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© Peter Boor

DeRegCOVID: Interview mit Peter Boor

„Die Corona-Pandemie macht deutlich, welch wichtiges medizinisch-wissenschaftliches Instrument die Obduktion ist“, sagt der Pathologe Prof. Dr. Peter Boor von der RWTH Aachen. „Denn sie ermöglicht, einen Organismus in seiner Gesamtheit bis auf zellulärer und subzellulärer Ebene zu analysieren und Krankheitsmechanismen zu verstehen.“ Aufgrund der großen Relevanz von Obduktionen für die Covid-Forschung hat Peter Boor im April 2020 das Deutsche Register für Covid-19-Obduktionen (DeRegCOVID) initiiert und leitet es seither. Im Rahmen von Autopsien gewonnene Bioproben und Daten werden im DeRegCOVID erfasst – mit dem Ziel, möglichst alle Obduktionsfälle von Covid-19-Erkrankten in Deutschland zu dokumentieren. Im Interview mit dem German Biobank Node (GBN) stellt Peter Boor das Register vor, das als zentrale Vermittlungsstelle für Datenanalysen und Forschungsanfragen fungiert.

Herr Boor, die häufigste Frage, die Ihnen JournalistInnen zu Covid-19 stellen, ist …

Peter Boor: … ob Covid-Patienten „an“ oder „mit“ Covid-19 sterben. Diese Frage bekommen wir Pathologen immer noch häufig zu hören, die wir anhand der Autopsiebefunde aber sehr klar beantworten können: 85 bis 90 % der Obduzierten sind an Covid-19 verstorben.

Obduktionen dienen aber nicht nur dazu, Todesursachen festzustellen. Sie ermöglichen auch ein besseres Verständnis von Erkrankungen. Was konnten sie über Covid-19 ans Licht bringen?

Boor: Gerade aus Deutschland kamen schon zu Beginn der Pandemie wichtige Ergebnisse aus Obduktionen und Pathologie sowie aus der Neuropathologie. Als Beispiel kann ich eine Arbeit von Danny Jonigk nennen, einem Lungenspezialisten der Medizinischen Hochschule Hannover, die das Deutsche Register für Covid-19-Obduktionen unterstützt hat. Jonigk und seine Kollegen haben schon früh die Lungenbeteiligung bei Covid-19 beschrieben und mit anderen Erkankungen verglichen, insbesondere der Lungenbeteiligung bei H1N1. Es stellte sich heraus, dass Blutgerinnsel in den Blutgefäßen der Lunge deutlich häufiger vorkommen – insbesondere in den feinsten Gefäßen, den Kapillaren. Zusätzlich fanden sie eine spezielle Form der Neubildung von Blutgefäßen. Darauf aufbauend haben weitere Studien gezeigt, dass Covid-19 zwar vorwiegend die Lungen betrifft, aber sich auch in anderen Organen Veränderungen finden und es sich damit sehr wahrscheinlich um eine multisystemische Erkrankung handelt. Dies sind Beispiele für grundlegende Erkenntnisse, die nur mithilfe von Autopsien möglich sind.

Das Deutsche Register für Covid-19-Obduktionen (DeRegCOVID) haben Sie im April letzten Jahres ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

Boor: Die Idee hatte ich bereits im März – auch weil meine Frau auf der Intensivstation im Krankenhaus Geilenkirchen arbeitet. Geilenkirchen war nach dem Karneval der erste „Corona-Hotspot“; im dortigen Krankenhaus verstarb der erste Covid-Patient in Deutschland. Überraschend war für mich zu diesem Zeitpunkt, dass es aus China kaum Berichte zu Autopsiebefunden gab. Ich wollte eine Übersicht darüber schaffen, wo in Deutschland obduziert wird und welche Arten von Bioproben und Daten zur Verfügung stehen. Schon da war klar, dass wir eine vernetzte Forschung brauchen, um robuste Daten zu erheben. Also habe ich vorgeschlagen, ein Register dafür einzurichten – dies ist uns mithilfe der breiten Unterstützung vieler Kolleginnen und Kollegen nicht nur aus Aachen, sondern auch durch den Bundesverband der Deutschen Pathologen sowie der Deutschen Gesellschaft für Pathologie gelungen. Inzwischen sind wir ein großes, interdisziplinäres Team, das vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert wird und das Register weiter aufbaut.

Wo werden die Bioproben und Daten für DeRegCOVID gelagert bzw. gespeichert?

Boor: DeRegCOVID hat zwei Prinzipien: Erstens verbleiben alle Bioproben dezentral an den Standorten, wo sie auch gewonnen wurden, und in deren Besitz. Zweitens bleiben auch die Daten im Besitz der jeweiligen Zentren, werden aber zentral im DeRegCOVID gesammelt. Alle Analysen und Meldungen an Dritte erfolgen nach Absprache mit den jeweiligen Zentren. DeRegCOVID ist also eine zentrale Informationsquelle, deren Proben und Daten dezentral vorliegen.

Wie erhalten interessierte ForscherInnen Zugang zu den Proben und Daten?

Boor: Sie stellen zunächst einen kurzen Antrag, dessen Vorlage man auf unserer Website findet. Dann prüfen wir, ob das jeweilige Vorhaben mit den vorhandenen Proben und Daten überhaupt umsetzbar ist. Manchmal werden wir nach Blut- oder Urinproben gefragt; in diesem Fall verweisen wir gleich an GBN/GBA. Manch andere Anfrage müssen wir absagen: beispielsweise werden aktuell nicht ganze Organe „mal eben“ eingefroren. Um die Wissenschaftler zu unterstützen, machen wir aber Vorschläge, wie es alternativ funktionieren könnte, welche Proben ggf. zur Verfügung stehen. Und sobald ein relevante Anfrage kommt, leiten wir diese in der Rolle eines „Scientific Tinder“ an die in Frage kommenden Zentren weiter. Aktuell haben wir zum Beispiel ein Projekt unterstützt, das die Auswirkungen von Covid-19 auf die Augen untersucht. Übrigens auch ein Vorhaben, das selbstverständlich nur mithilfe von Autopsie-Proben möglich ist.

Abgesehen von Augen – um welche Arten von Bioproben geht es?

Boor: Bei Autopsien nimmt man in der Regel unterschiedliche Proben von den Hauptorganen und nach Fragestellung auch Proben von weiteren Geweben. Diese werden in Formalin fixiert und in Paraffin eingebettet. Dazu kommt frisches, eingefrorenes Gewebe und gelegentlich Gewebe für Elektronenmikroskopie oder andere Fixative oder Probenaufarbeitungen. Im Rahmen einer Autopsie werden durchaus zwischen 40 bis 150 Proben gewonnen. Das ist zum Beispiel hilfreich, um den Organotropismus des Virus zu untersuchen, in welchen Organen man es vor allem findet.

Wie steht es um die Qualität der Proben?

Boor: Aufgrund des postmortalen Intervalls ist die Probenqualität nicht immer optimal. Nichtsdestotrotz haben viele Studien gezeigt, dass die Qualität doch so gut ist, dass die Proben für moderne Techniken wie Single Cell- oder RNA-Sequencing, Proteomics und alle anderen Meta-Genomics-Verfahren geeignet sind. Die Grundinformationen zur Probenqualität werden im Register auch erfasst.

Welche Voraussetzungen gibt es für die an DeRegCOVID teilnehmenden Zentren?

Boor: Für Probenarten und Daten machen wir keine Vorgaben, sondern wollen die Obduktionsfälle so breit wie möglich erfassen. Wir bieten SOPs oder vielmehr Verfahrensempfehlungen zur Orientierung an. Insbesondere zur Arbeitssicherheit haben wir schon früh Informationen zur Verfügung gestellt – schließlich hatte das Robert Koch-Institut im Frühjahr letzten Jahres zunächst davon abgeraten, Obduktionen überhaupt durchzuführen. Ein zugegebenermaßen größerer Aufwand für die teilnehmenden Zentren besteht darin, die Genehmigung der lokalen Ethikkommissionen und Datenschutzbeauftragten einzuholen und einen Zentrumsvertrag abzuschließen. Ist das aber geschafft, ist der Weg für eine langfristige Infrastruktur geebnet.

DeRegCOVID ist Bestandteil des Projekts DEFEAT PANDEMIcs des Netzwerks Universitätsmedizin (NUM). Welche Rolle hat es hier inne?

Boor: Das Register bildet das „elektronische Rückgrat“ von DEFEAT PANDEMIcs, die Vernetzungstruktur, zentrale Datensammelstelle und Austauschplattform. DEFEAT PANDEMIcs ist wesentlich breiter angelegt als DeRegCOVID und baut ein Expertennetzwerk für Autopsien in Pandemiezeiten auf. Das umfasst zum Beispiel pathologische Referenzzentren mit besonderen Expertisen für einzelne Organe oder für das Testen neuartiger Methoden. In DEFEAT PANDEMIcs befassen wir uns auch stark mit der Probenqualität: Worin bestehen die Voraussetzungen, um Proben für bestimmte Methoden zu nutzen, worin liegen die Limitationen? Außerdem gibt es ein Pilotprojekt zu digitaler Pathologie und ihrer Anbindung an DeRegCOVID.

Wäre für Sie auch eine Verbindung mit dem Sample Locator, der Online-Probensuche des German Biobank Node (GBN), denkbar?

Boor: Das wäre definitiv sinnvoll. Unser Projekt DeRegCOVID läuft allerdings noch nicht sehr lange – vor Kurzem haben wir den 1. Geburtstag von DeRegCOVID „gefeiert“.  Darüber hinaus musste ich feststellen, dass IT-Lösungen sowie das Herstellen von Interoperabilität oft mehr Zeit und Ressourcen beanspruchen als zunächst gedacht. Für die Zukunft wäre eine Verknüpfung aber sehr wünschenswert. Gerade Aachen ist ja auch ein Standort der GBA und damit bereits an den Sample Locator angebunden. Wichtig wäre, dass man im Sample Locator gezielt nach Autopsie-Proben suchen kann.

Das Interview führte Verena Huth.

Weitere Informationen und Links:

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