Qualitätsmanagement

Für den Erfolg der biomedizinischen Forschung ist die Qualität von Biomaterialien von herausragender Bedeutung.

Unter dem Dach von GBN entwickeln wir Standards und Lösungen für das Biobanking der nächsten Generation.

Im Interview: Esther Herpel

„Wir müssen den Pathologen einen Floh ins Ohr setzen!“

 

Prof. Dr. med. Esther Herpel ist seit 2008 Leiterin der Gewebebank des Nationalen Tumorzentrums (NCT) am Universitätsklinikum Heidelberg – einem Standort der German Biobank Alliance (GBA). Von 1998 bis 2004 studierte sie Medizin an der Universität Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, 2004 folgten Approbation und Promotion. Herpel war Assistenzärztin am Heidelberger Pathologischen Institut, 2013 wurde sie Oberärztin, 2017 folgte die Habilitation. Im Interview spricht Herpel über die Zusammenarbeit von Pathologien und Biobanken.

Frau Herpel, was sind die Aufgaben der Pathologie?

Esther Herpel: Die Pathologie ist die Lehre der Krankheiten. Alles, was an Gewebeproben aus dem menschlichen Körper entnommen wird, wird von Pathologen untersucht. Man schaut nach, warum etwas entfernt werden musste: Handelt es sich zum Beispiel um eine Entzündung oder eine Krebserkrankung? Das ist notwendig, um über die weitere Behandlung eines Patienten zu entscheiden. Das klassische Beispiel bei Krebserkrankungen ist die sogenannte Tumorklassifikation, die von einem Pathologen gemacht wird. Auf diese Weise erfährt der Kliniker, ob etwa eine weitere Therapie, wie zum Beispiel eine Chemotherapie oder eine Radiotherapie, erforderlich ist. Mittlerweile ist die Pathologie so weit, dass auch die molekulare Ebene untersucht wird, was beispielsweise das genetische Profil von Krebsgewebe ist. Wenn der Pathologe auf eine Mutation gestoßen ist, kann der Kliniker bei bestimmten Krebsarten die entsprechende Gegentherapie einleiten.

Warum ist die Zusammenarbeit von Biobanken und Pathologien wichtig?

Herpel: Studien haben gezeigt, dass in zahlreichen Fällen Bioproben, die für medizinische Forschungsprojekte verwendet wurden, dafür vollkommen untauglich waren. Sie waren offensichtlich nicht unter qualitätsgesicherten Bedingungen verarbeitet und gelagert worden. Ein Grund dafür ist das „wilde Biobanking“: Beispielsweise kommt es vor, dass ein Operateur ein Stück Lebergewebe für Forschungszwecke einfriert, von dem er annimmt, es handele sich um Tumorgewebe – ohne dass das Material zuvor einer professionellen Eingangskontrolle unterzogen wurde. Ein paar Jahre später wird die Probe ohne weitere Überprüfung, das heißt ohne histopathologische Verifizierung durch einen Pathologen, in einem Forschungsprojekt verwendet. Auf diese Weise gelangen „falsche“ Proben und generierte Daten in Umlauf und führen mitunter zu falschen oder nicht reproduzierbaren Forschungsergebnissen. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig die professionelle Verarbeitung und Lagerung von Bioproben durch Biobanken und Pathologien ist – es ist eine Frage der Qualitätssicherung.

Welche Rolle erfüllen die PathologInnen hierbei genau?

Herpel: Angenommen ein Wissenschaftler benötigt für ein Forschungsprojekt Dickdarmkrebsproben mit bestimmten histopathologischen Eigenschaften – dann bedarf es eines Pathologen, da dieser weiß, auf welche Kriterien er bei der Auswahl des Gewebes achten muss. Insbesondere der Tumorzellgehalt kann nur mithilfe eines histologischen Schnittes festgestellt werden; diese Information ist für die meisten Analysen unerlässlich und kann nur von einem Pathologen geliefert werden. Im Biobanking sollten Pathologen grundsätzlich dafür verantwortlich sein, das jeweils entsprechende Gewebe herauszuschneiden, es qualitätsgesichert einzufrieren und vor allem einer entsprechenden Ausgangskontrolle zu unterziehen.

Gibt es verschiedene Formen der Kooperation?

Herpel: Für das Gewebe-Biobanking ist es eigentlich unabdingbar, dass die Verknüpfung mit der Pathologie sehr eng ist. Im besten Fall befindet sich eine solche Biobank in der Pathologie, denn dadurch werden sowohl die Wege als auch die Bearbeitungszeiten der Gewebeproben kurz. Es sind Experten zum Beispiel für Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Lungenkrebs vor Ort – alle können leicht einbezogen werden. Das entspricht unserem Konzept in Heidelberg: Wir sind keine reine „Bank“, sondern wir beraten und betreuen die Projekte, beispielsweise wenn es an die Auswertung der Daten geht. Natürlich gibt es Biobanken, die ein anderes Modell verfolgen und nur den Service der Ein- und Auslagerung anbieten. Ich denke aber, wenn wir langfristig den Erfolg von Biobanken garantieren wollen, müssen wir intrinsisch bei den Projekten eingebunden sein.

Welches Interesse haben PathologInnen an Biobanken?

Herpel: Das kommt sehr darauf an, wo Pathologen tätig sind. An großen Kliniken und universitären Einrichtungen, deren Biobanken auch in der German Biobank Alliance vertreten sind, wissen die Pathologen zumeist um Wert und Nutzen von Biobanken, da sie oftmals auch selbst forschen und auf Biomaterialien angewiesen sind. Es gibt aber auch viele niedergelassene Pathologen, deren Fokus auf der Diagnostik liegt und nicht auf der Forschung. Für diese Kollegen sind Biobanken im Grunde wenig relevant beziehungsweise deren Nutzung wäre für sie mit einem nicht unerheblichen Kostenaufwand verbunden. Letztlich sind daher eigentlich nur große Institutionen in der Lage, Biobanking langfristig und nachhaltig zu finanzieren.

Wie kann man damit umgehen, wenn die Zusammenarbeit zwischen Biobanken und Pathologien nicht so reibungslos funktioniert und wo liegen die Gründe dafür?

Herpel: Pathologen stellen Diagnosen – das ist mit Arbeit verbunden. Manche Kliniker verwenden Texte von pathologischen Befunden für Publikationen, ohne vorab die beteiligten Pathologen um Einverständnis zu bitten. Das ist ein Beispiel dafür, was die Zusammenarbeit beeinträchtigen kann. Auch deshalb muss ein Umdenken stattfinden. Außerdem sollte Biobanking zu einem intrinsischen Teil klinischer Versorgung werden. Biobanker, Pathologen und auch Kliniker müssen zusammenarbeiten!

Wie können wir als GBA PathologInnen stärker in unsere Aktivitäten einbeziehen?

Herpel: GBA sollte einerseits versuchen, mit Pathologen ins Gespräch zu kommen. Das könnte beispielsweise bei den jährlichen Treffen von Arbeitsgemeinschaften geschehen oder bei Seminarreihen Pathologischer Institute. Bei uns in Heidelberg haben wir in den Anfangsjahren der Biobank sehr viele Klinken und das DKFZ besucht und die Biobank dort im Rahmen von Fortbildungsreihen und auch Frühbesprechungen vorgestellt. Besonders wichtig finde ich es, die angehenden Pathologen anzusprechen, beispielsweise über die Nachwuchsakademien der DGP und der IAP. Meiner Meinung nach sollte das Thema Biobanking auch in die Facharztausbildung integriert werden, denn nur so erreichen wir, dass Biobanking zu einer selbstverständlichen Tätigkeit von Pathologen wird. Denn ohne Bewusstsein für das Biobanking kann kein dauerhaftes qualitätsgesichertes Gewebe-Biobanking funktionieren. Vor allem jungen Pathologen müssen wir daher einen Floh ins Ohr setzen!

 

Das Interview führte Verena Huth.

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